Um weiterhin erfolgreich zu bleiben, gilt es, den Schwung des Jahreswechsels ausnützen, Trägheit und Selbstzufriedenheit aufzugeben und stattdessen Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft müssen politischer werden und daran mitwirken, dass unser Standort für die Zukunft fit bleibt.

 

Liebe Mitglieder und Freunde der Zürcher Handelskammer

liebe Vertreterinnen und Vertreter aus lokaler, kantonaler und nationaler Politik

Liebe Gäste

Ich wünsche Ihnen alles Gute, viel Glück und Erfolg im neuen Jahr. Schön, dass Sie heute Abend bei uns sind.

Ich bin immer noch schockiert, und ich nehme an, Sie alle sind es auch, über das grauenhafte Attentat gestern in Paris. Ich empfinde Abscheu, Bestürzung, Trauer. Darf man angesichts dessen nun heute Abend einfach zur Normalität übergehen, habe ich mich gefragt. Ich meine: Man muss es geradezu. Ich empfinde nämlich auch Wut. Wut darüber, dass es Gruppierungen gibt, welche auf das Innerste einer freiheitlichen Gesellschaft zielen und damit Grundwerte wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Frage stellen. Uns nun ins Schneckenhaus zurückzuziehen, zurückhaltend zu werden bei unserer Meinungsäusserung und nicht mit aller Deutlichkeit klar zu machen, dass terroristische Handlungen zu ahnden und zu verurteilen sind, wäre das Falscheste. Im Gegenteil: gehen wir auf die Strasse, wenn nicht effektiv, dann zumindest im übertragenen Sinn!

In diesem Sinne noch einmal: schön, dass Sie alle da sind, dass wir heute Abend die Gelegenheit haben, uns persönlich zu sehen, miteinander zu sprechen und uns auszutauschen. Bei solchen persönlichen Treffen stelle ich nämlich immer viel Optimismus, Fröhlichkeit und Offenheit fest. Der Mensch ist ja bekanntlich ein soziales Wesen, und deshalb tun ihm reale Kontakte gut. Gerade im Zeitalter von „social Media“, die alles andere als „social“ sind. Dort herrscht zuweilen eine Griesgrämigkeit sondergleichen. Alle sind missmutig, jeder giftet über Behörden, Politiker, Nachbarn, Restaurants, you name it.

Mir ist es wichtig, dass wir positive Stimmungen, wie heute Abend ins neue Jahr mitnehmen. Wir leben nämlich in einem tollen Land. Nur merken das nicht alle, und es merken nicht alle, dass wir uns dafür einsetzen müssen, dass dies so bleibt. Unser Wohlstand ist unvergleichlich hoch, Jugendliche haben hervorragende Chancen, und unsere Wirtschaft gilt als eine der innovativsten. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man unsere europäischen Nachbarländer ansieht.

Umso mehr ist es kein guter Rat, uns angesichts dessen auf dem Erreichten ausruhen zu wollen. Die „Missmutigkeit“, die ich vorher erwähnte, zeigt sich nämlich auch darin, dass man selbstzufrieden, antriebslos und phantasielos geworden ist. Die Schweiz war jedoch immer dann erfolgreich, wenn sie Neues wagte, neue Impulse zuliess und sich nicht abschottete.

Es gibt einige Bereiche, bei denen erscheint es mir besonders wichtig, dass es uns gelingt, sie für die Zukunft fit zu machen. Lassen Sie mich nur zwei benennen:

Zum einen unsere direkte Demokratie: Diese hat zweifellos Vorteile. Nur: man muss sich auch bewusst sein, wo ihre Grenzen liegen. Letztlich ist ein demokratisches System wie das unsere nicht eines, das sich durch eine besondere Reformfähigkeit auszeichnet. Angesagt ist vielmehr eine „Politik der kleinen Schritte“.

Damit ist die Schweiz bis anhin nicht schlecht gefahren, doch muss man sich fragen, ob uns das für morgen auch noch genügt. Denn nach wie vor basiert unser System auf Instrumenten, welche im grossen und ganzen im vorletzten Jahrhundert geschaffen wurden. Es muss erlaubt sein, zu fragen, ob die Kompetenzen zwischen den einzelnen politischen Gremien aber auch den föderalen Ebenen noch richtig verteilt sind. Auch sollten wir darüber nachdenken, ob auch noch das letzte Thema, das Einzelne von uns bewegt, Gegenstand einer Initiative sein muss, und es dafür so einfach sein soll, Unterstützung zu finden. Gerade hier zeigt sich nämlich, dass politische Rechte auch blockierend wirken können.

Zum anderen unser Verhältnis zu Europa: Nicht erst seit der Abstimmung vom Februar 2014, aber seit da mit aller Deutlichkeit, ist klar, dass die Frage, welcher Art das Verhältnis der Schweiz zu Europa ist, geklärt werden muss. Auch wenn einige das so sehen mögen: Die Schweiz ist keine Insel der Glückseeligen. Vielmehr ist sie in hohem Masse international verflochten und ihr Erfolg davon abhängig, dass der Austausch mit dem Ausland gut funktioniert. Dies in Ihrem Kreis zu betonen, bedeutet allerdings Eulen nach Athen getragen. Als Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft merken Sie dies tagtäglich. Dennoch leisten sich einige den Luxus, die Frage aufzuwerfen, ob die bilateralen Verträge mit der EU, welche uns bis anhin sehr gut gedient haben, wirklich zu erhalten seien. Und noch weiter gehen jene, die finden, nun müsse die EU auf uns zukommen und zu Konzessionen bereit sein. Dies finde ich, mit Verlaub gesagt, vermessen. Die Schweiz kann sich durchaus als gleichwertiger Partner der EU gegenüber behaupten, aber sie muss auch bereit sein, ihren eigenen Beitrag zu leisten. Nur profitieren geht nicht. Es gibt deshalb hier nur eine einzige, zwar nicht sehr originelle aber dafür umso richtigere Antwort: Die Schweiz braucht die bilateralen Verträge mit der EU. Ein Aufkünden der bilateralen Verträge durch die EU muss unter allen Umständen verhindert werden. Dies ist meine Botschaft, dies ist die Botschaft der Zürcher Handelskammer und vieler Unternehmen, die uns angeschlossen sind. Tragen Sie sie weiter!

Sie finden: ein bisschen viel Politik heute, und recht wenig Wirtschaft für eine Handelskammer? Im Gegenteil: es kann nicht politisch genug werden. Wir sind nämlich ein bisschen träge geworden, und scheuen die Auseinandersetzung. Es ist jedoch richtig, wichtig und entscheidend, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft wieder politischer werden. Es ist nötig, die Weichen heute richtig zu stellen, damit unsere Wirtschaft, somit Sie alle, jene Rahmenbedingungen haben, die Sie brauchen, um weiterhin erfolgreich zu sein. Damit Sie die Freiheit haben, um innovativ zu sein, und die Offenheit, um den internationalen Austausch pflegen zu können. Zusammenfassend geht es ganz einfach darum, dass Sie auch weiterhin unseren Standort als den besten beurteilen und nur hier – und nur hier – aktiv sein wollen. Also: machen wir uns Gedanken um unsere Zukunft, und machen wir uns daran, diese Ideen umzusetzen. Nüchtern, pragmatisch, unaufgeregt, aber eindeutig. Seien wir politischer!

Wir stehen am Anfang eines Wahljahres: im April werden im Kanton Zürich Regierung und Parlament neu gewählt, und im Oktober dann National- und Ständerat. Der Kanton Zürich und die Schweiz brauchen Kräfte, die bereit sind, nach vorne zu sehen und Lösungen für eine Zukunft zu präsentieren, welche nicht „Isolation der Schweiz“ oder „zurück zum kommunistischen Manifest“ heissen kann. Dazu gehört die Bereitschaft, unser Wertesystem zwar zu respektieren und dessen positive Eigenschaften weiterhin zu pflegen, dieses aber auch an neue Erfordernisse anzupassen. Gelingt dies, dann ist dies letztlich – nicht nur aber auch – zum Wohle unserer Wirtschaft.

An Ihnen, Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, ist es, dies bekannt zu machen, Verständnis dafür zu schaffen, aufzuzeigen, dass eine erfolgreiche Wirtschaft kein Selbstzweck ist, sondern allen dient, weil sie nämlich Arbeitsplätze und damit Wohlstand schafft. Und dass es aus diesem Grund auch nicht gleichgültig ist, wen man in politische Gremien wählt.

Ich wünsche Ihnen allen bei Ihren Vorhaben viel Erfolg und uns allen weniger Missmut dafür mehr Fröhlichkeit und Optimismus.

 

Dr. Regine Sauter, Direktorin Zürcher Handelskammer

 

09.01.2015 | 7831 Aufrufe